New Work in der Pflege

Der Fachkräftemangel in der Altenpflege macht deutlich, dass die Branche umdenken muss, um qualifiziertes Personal zu rekrutieren und zu halten. Beim „New-Work“-Ansatz werden alte Prozesse und Strukturen aufgebrochen, um das Pflegeheim zu einem attraktiven Arbeitsplatz der Zukunft zu gestalten.

Was bedeutet „New Work“ für die Pflege?

Der Begriff ”New Work” beschreibt das Konzept einer neuen Arbeitsweise, die das klassische Bild von Arbeit in Bezug auf Zeit, Raum und Strukturen aufbricht. In diesem neuen Verständnis wird die Arbeit vom Einzelnen als sinnvoll, selbstbestimmt und erfüllend empfunden. Während das traditionelle Konzept von Arbeit durch starre Prozesse und hierarchisch organisierte Strukturen geprägt ist, stellt der New-Work-Ansatz ganz neue Fragen in den Mittelpunkt: Was ist der Sinn von Arbeit? Und worin liegt das individuelle Potential jedes Einzelnen?

Bei dem sich dramatisch zuspitzenden Fachkräftemangel in der Altenpflege ist es höchste Zeit, diese neue Denkweise auch in die Pflegeheime zu bringen. Wie können Heimbetreiber*innen dafür sorgen, dass Pflegekräfte Sinnerfüllung in ihrer Arbeit finden und motiviert ihren Aufgaben nachgehen? Welche Möglichkeiten des agilen Arbeitens lassen sich auch in Altenheimen anwenden? Welche Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden?

Wie lässt sich „New Work“ im Pflegeheim umsetzen?

Der Alltag in Altenheimen sieht häufig so aus, dass pflegerische Leistungen routiniert abgearbeitet werden – und das aufgrund von Zeitmangel so effizient wie möglich. Das Potenzial der Pflegenden wird dabei oft durch starre Abläufe ausgebremst. Eines der Grundprinzipien der neuen Arbeitskultur lautet jedoch, dass jede bzw. jeder Einzelne sich in der Arbeit entfalten können soll. Das Konzept beruht maßgeblich auf Selbstständigkeit, Eigenverantwortung, Handlungsfreiheit und einem beständigen Lernwillen. Für eine engagierte Gestaltung der täglichen Pflegeaufgaben im Sinne von New Work braucht es deshalb Freiräume für die Mitarbeitenden, sich selbst einzubringen und kreativ zu sein.

Selbstbestimmtes Arbeiten sorgt für Motivation

Zahlreiche Forschungsprojekte und Praxisbeispiele aus unterschiedlichen Branchen bestätigen, dass Selbstbestimmung zu mehr Spaß, Kreativität und Effektivität im Arbeitsalltag führt. Laut dem Fraunhofer Institut sind Mitarbeitende, die unabhängiger und selbstbestimmter entscheiden können, welche Aufgaben wann und wie erledigt werden sollen, tendenziell motivierter bei ihrer Arbeit. Sie fühlen sich darüber hinaus wohler und erzielen bessere Ergebnisse als Menschen mit wenig Entscheidungsfreiheit.

Davon profitiert auch die Pflegeeinrichtung – denn engagierte Pflegekräfte, die ihre Aufgaben mit Freude angehen, sorgen für glückliche Heimbewohner*innen. Zudem sind die Mitarbeitenden motiviert, neue Ideen mit einzubringen, die den Pflegealltag attraktiver gestalten können.

Doch wie lässt sich diese Eigenverantwortlichkeit im Pflegeheim umsetzen? Wichtig ist im ersten Schritt das Vertrauen seitens der Heimleitung in die Mitarbeitenden, Dinge selbst entscheiden zu können. Sie müssen den nötigen Handlungsspielraum bekommen, um flexibel auf verschiedene Situationen reagieren, eigene Ideen und neue Ansätze einbringen zu können.

Flexible Zeiteinteilung wirkt sich positiv auf das Personal und die Bewohner*innen aus

Darüber hinaus sollten Heimleiter*innen Wege finden, um Platz für Freiräume in den oft stark strukturierten Zeitplan im Seniorenheim zu integrieren. Hierbei können digitale Lösungen für mehr Effizienz im Pflegealltag helfen.

Auch die Auflösung eines fest reglementierten Tagesablaufes hin zu mehr Möglichkeiten der freien Zeiteinteilung ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Selbstbestimmung in der Pflege – und zwar sowohl für die Mitarbeitenden als auch für die Heimbewohner*innen. Denn nicht jeder möchte morgens um 6 Uhr geweckt werden oder zu einer genau definierten Zeit die Mahlzeiten einnehmen. Eine flexiblere Zeiteinteilung kann daher zu einem attraktiveren Lebens- und Arbeitsumfeld für alle Beteiligten beitragen.

Flache Hierarchien und neuer Führungsstil

Das New-Work-Konzept bedeutet auch die Organisation neuer Strukturen und Prozesse innerhalb eines Unternehmens bzw. einer Pflegeeinrichtung. Flache Hierarchien führen zu kürzeren Dienstwegen und direkteren Kontakten zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden. So können Fragen schnell geklärt und Herausforderungen unbürokratisch gelöst werden.

Die täglich anfallenden Aufgaben in der Pflege werden dabei von teilautonomen Teams selbst organisiert und erledigt. Die neue Rolle der Führungskraft besteht somit in der Definition des Rahmens und der groben Laufrichtung, wodurch die Selbstorganisation im Team möglich wird.

Die wichtigste Aufgabe der Heimleitung ist es, alle Mitarbeitenden und Teams agil zu steuern und bei der selbstbestimmten Ausführung ihrer Tätigkeiten zu unterstützen („Empowerment“). Dazu gehört, die richtigen Rahmenbedingungen für ein angenehmes und modernes Arbeitsumfeld zu schaffen. Um die Motivation und Lernbereitschaft zu fördern, sollten Führungskräfte darüber hinaus regelmäßige Feedback-Gespräche mit ihren Mitarbeitenden führen und Zielvereinbarungen treffen.

Wertschätzung der Mitarbeitenden

Neben einer sinnstiftenden, selbstbestimmten Arbeit und einer attraktiven Arbeitsumgebung sind auch eine positive Einstellung, der Spaß, die Wertschätzung und das Arbeitsklima wichtige Faktoren des New-Work-Konzepts.

Dauerdruck und Missstimmung im Pflegeheim hemmen die Kreativität, die Produktivität und den zwischenmenschlichen Umgang gleichermaßen. Das führt letztendlich zu überlastetem Personal und unzufriedenen Bewohner*innen. Um das zu vermeiden, spielt die Wertschätzung der Mitarbeitenden eine wichtige Rolle. Vertrauen, individuelle Förder- und Weiterbildungsmöglichkeiten und faire Vergütungsmodelle sind wichtige Grundlagen für mehr Wertschätzung in der Pflege.

Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten

Die rasant voranschreitende Digitalisierung spielt eine maßgebliche Rolle bei modernen New-Work-Modellen. Neue Technologien und digitale Lösungen bieten spannende Möglichkeiten, die Arbeit in der Pflege zu verbessern. Ziel ist es, neue Formen der Arbeitsorganisation zu gestalten, die sowohl den Pflegenden als auch den Bewohner*innen – und damit der Pflegeeinrichtung als Ganzes – dienen. Digitale Lösungen sollten also allen Beteiligten den Alltag erleichtern und so ein attraktives Arbeits- bzw. Wohnumfeld schaffen.

Es gibt bereits eine Vielzahl an Technologien auf dem Markt, die das Personal in Altenheimen entlasten, zeitliche Freiräume schaffen und insgesamt zu einer verbesserten Arbeitssituation beitragen können. Das Angebot reicht von digitalen Hilfen für Pflegekräfte über Pflege-Software zur Entlastung der Verwaltung bis hin zu innovativen Ansätzen aus dem Bereich der Robotik. Mehr dazu erfahren Sie in diesem Artikel.

Moderne Ansätze wie diese sind darüber hinaus auch ein spannender Anreiz für junge, qualifizierte Fachkräfte, sich in der Pflegeeinrichtung zu bewerben.

Mut zur Veränderung

Für die erfolgreiche Umsetzung von New Work in der Pflege gehört in erster Linie, bestehende Werte und Strukturen kritisch zu beleuchten und sich für neue Möglichkeiten, aber auch eventuelle Herausforderungen zu öffnen. Neue, unkonventionelle Wege zu gehen erfordert viel Mut und auch das Risiko des Scheiterns.

Mit der richtigen Einstellung und kontinuierlicher Selbstreflexion lässt sich aus Fehlern lernen, um dauerhaft den richtigen Weg zu finden. Dieser ist nicht allgemeingültig, sondern muss zum jeweiligen Pflegeheim passen. New Work ist kein starres Konzept, das eins zu eins nach Lehrbuch umgesetzt werden muss. Jede Pflegeeinrichtung hat ihre ganz spezifischen Gegebenheiten und Anforderungen. Genauso bringt jede*r einzelne Mitarbeitende eine ganz individuelle Persönlichkeit, Erwartungen und Ideen mit.

Fazit

Das Ziel von New Work in der Pflege sind zufriedene und motivierte Mitarbeitende, die in ihren vielfältigen Kompetenzen wahrgenommen und eingesetzt werden. Wesentliche Ansatzpunkte sind hierbei die Selbstbestimmtheit der Mitarbeitenden, die Flexibilisierung der Arbeitszeit, eine neue Führungskultur sowie moderne digitale Werkezuge. Langfristig wird dadurch nicht nur die Attraktivität des Berufsfeldes, sondern auch die Zufriedenheit der Bewohner*innen gesteigert.