Hilfe zur Selbsthilfe: Aktivierende Pflege im Altenheim

Die aktivierende Pflege steigert nicht nur die Lebensqualität von alten und pflegebedürftigen Menschen, sondern entlastet auf lange Sicht auch das Pflegepersonal in Altenheimen. Was steckt hinter dem Konzept „Aktivierung in der Altenpflege“ und wie lässt es sich in stationären Pflegeeinrichtungen sinnvoll umsetzen?

Das Problem der versorgenden Pflege in Seniorenheimen

In vielen Seniorenheimen wird den Pflegebedürftigen ein Großteil der Alltagsaktivitäten abgenommen. Die Pflegekräfte kümmern sich dabei nicht nur um die Körperpflege der alten Menschen, sondern auch um deren Nahrungsaufnahme, die Kleiderauswahl, das An- und Ausziehen und vieles weitere. Bei diesem Pflegekonzept, der sogenannten versorgenden Grundpflege, geht es primär darum, die Grundbedürfnisse der Bewohner*innen zu erfüllen.

Die alten Menschen selbst bleiben dabei größtenteils passiv, was zur Folge hat, dass sie mit der Zeit immer mehr an Selbstständigkeit verlieren. Diese kontinuierlich zunehmende Abhängigkeit führt auf lange Sicht zu einem gesteigerten Pflegeaufwand.

Die Kombination aus Rundumversorgung und eingeschränkten eigenen Fähigkeiten hat ebenso zur Folge, dass sich viele Senior*innen in Pflegeheimen zunehmend nutzlos fühlen und an Selbstbewusstsein verlieren. Das passive Warten auf die nächste Pflege- oder Betreuungsmaßnahme und die dadurch fehlende Selbstbestimmung macht die meisten Menschen unglücklich und erhöht das Risiko psychischer und körperlicher Erkrankungen.

Diese Negativspirale führt in vielen Altenheimen zu einer prekären Situation: Die Bewohner*innen sind unzufrieden und bauen geistig und körperlich ab, wodurch die Belastung der Pflegekräfte wächst. Die daraus resultierende negative Stimmung hat wiederum Auswirkungen auf die allgemeine Lebens- und Arbeitsatmosphäre. Unzufriedene Mitarbeitende verlassen möglicherweise die Pflegeeinrichtung, sodass der Fachkräftemangel noch akuter wird.

Es ist daher an der Zeit, das Pflegekonzept in Altenheimen neu zu denken. Das Ziel muss es sein, sowohl für die Bewohner*innen als auch für die Mitarbeitenden der stationären Pflegeeinrichtung ein positives Wohn- und Arbeitsumfeld zu schaffen und die Pflegekräfte zu entlasten. Ein Weg dorthin ist die sogenannte „aktivierende Pflege“.

Aktivierung in der Altenpflege: Mehr Selbstbestimmung der Bewohner*innen und Entlastung der Pflegekräfte

Im Gegensatz zur oben beschriebenen kompensatorischen Pflege hat ein aktivierendes Pflegekonzept zum Ziel, die vorhandenen körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Fähigkeiten der alten Menschen zu erhalten und zu fördern bzw. verlorene Fähigkeiten zu reaktivieren. Die aktivierende Pflege ist also als „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu verstehen, die die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Senior*innen fördert.

Altenheime, die die aktivierende Pflege in ihrem Pflege- und Betreuungskonzept etablieren, verzeichnen auf lange Sicht positive Effekte für alle Beteiligten – sowohl für die Bewohner*innen als auch für die Mitarbeitenden.

Entlastung des Pflegepersonals

Durch Aktivierung können alte und pflegebedürftige Menschen die Fähigkeit wiedererlangen, alltägliche Abläufe in verschiedenen Lebenssituationen eigenständig durchzuführen. Dazu gehört beispielsweise das Essen und Trinken, der Toilettengang oder die Körperpflege. Indem die Heimbewohner*innen im Rahmen ihrer Möglichkeiten diese Dinge wieder eigeninitiativ durchführen, wird das Pflegepersonal enorm entlastet.

Hohe Lebensqualität durch mehr Selbstbestimmung

Wenn die Heimbewohner*innen die Möglichkeit bekommen, ihren Alltag mitzugestalten und selbstbestimmt am Leben teilzunehmen, wird ihr Selbstwertgefühl gesteigert. Dies wirkt sich nachweislich stabilisierend auf Lebensqualität und Gesundheit aus. Langfristig führt die aktivierende Pflege nicht nur zu physiologischen Fortschritten, sondern auch zu mehr Unabhängigkeit und Zufriedenheit der alten Menschen.

Aktivierende Pflege im Alltag: Beispiele für die Umsetzung im Altenheim

Als fähigkeitsfördernde und integrierende Form der Fürsorge steht bei der aktivierenden Pflege an erster Stelle, die alten Menschen im Umgang mit verschiedenen Alltagssituationen wohlwollend zu unterstützen und zu fördern. Die betreuende Person motiviert die Heimbewohner*innen dazu, ihre Alltagskompetenzen und Fähigkeiten so weit wie möglich unter Anleitung einzusetzen. Dabei berücksichtigt sie stets die individuellen Ressourcen der Betroffenen. Ziel ist es, die Pflegebedürftigen körperlich oder geistig nicht zu überfordern, sondern sie zu ermutigen und in ihrem eigenen Handeln zu bestärken.

Im Rahmen eines aktivierenden Pflegeplans stehen die Pflegefachkräfte den Bewohner*innen in möglichst vielen Alltagssituationen motivierend und anleitend zur Seite. Hier einige Beispiele, wie stationäre Pflegeeinrichtungen das Konzept in ihren Tagesablauf einbinden können:

Beschäftigungsangebote

Altenheime sollten Beschäftigungsmöglichkeiten anbieten, die an aktuelle oder frühere Interessen und Gewohnheiten der Bewohner*innen anknüpfen, diese dabei aber weder über- noch unterfordern. Beschäftigungsangebote tragen dazu bei, die sozialen, seelischen und kognitiven Bedürfnisse der alten Menschen zu befriedigen. Sie sind darüber hinaus Bestandteil der Tagesstrukturierung und fördern die soziale Integration. Dadurch wirken sie Desorientierung, Immobilität und Isolation der Heimbewohner*innen entgegen.

Im Rahmen des aktivierenden Pflegekonzeptes motivieren die Pflegekräfte die Senior*innen dazu, bei Gruppenaktivitäten, Gymnastik und anderen Bewegungs- und Beschäftigungsangeboten des Pflegeheims mitzumachen. Die Teilnahme ist jedoch stets freiwillig. Im Sinne der Selbstbestimmung der alten Menschen liegt es in ihrer persönlichen Entscheidungsfreiheit, ob und an welchen Aktivitäten sie teilnehmen möchten.

Hier einige Beschäftigungsideen, bei denen die Heimbewohner*innen selbst bzw. mit motivierender Anleitung aktiv werden können:

  • Gesprächsrunden mit biografischem Bezug
  • Künstlerische Tätigkeiten wie Basteln oder Malen
  • Mithilfe bei der Garten- oder Hausarbeit oder in der Küche
  • Selbstbestimmtes Einkaufen beim Emma Lieferdienst oder beim Emma Kiosk

Ernährung

Auch beim Essen und Trinken steht die Förderung der Eigenständigkeit der Bewohner*innen im Vordergrund. Um sie dabei zu unterstützen, helfen spezielles Geschirr mit erhöhtem Rand und gewinkeltes Besteck. Die Tischetikette tritt dabei in den Hintergrund. Wichtig ist, dass den älteren Menschen genügend Zeit für die selbstständige Einnahme der Mahlzeiten gelassen wird. Wenn nötig, können die Pflegenden die Hand der Pflegebedürftigen führen.

Körperpflege und Toilettengang

Die Körperpflege und der Toilettengang spielen in der aktivierenden Pflege eine wichtige Rolle. Die Pflegekraft stellt den alten Menschen hier alle benötigten Utensilien bereit und erklärt bzw. zeigt deren Benutzung. Ziel ist es, dass die Heimbewohner*innen wieder möglichst viele Schritte der Körperwäsche und Toilettenbenutzung eigenständig erledigen können. Ist dies nicht möglich, übernimmt die Pflegekraft nicht die komplette Körperpflege, sondern führt zum Beispiel die Hand der pflegebedürftigen Person. Dabei achtet sie auf die maximale Einhaltung der Intimsphäre.

An- und auskleiden

Die Heimbewohner*innen sollten selbst auswählen können, welche Kleidung sie tragen möchten. Die Pflegenden respektieren die Kleiderauswahl und unterstützen beim An- und Ausziehen nur soweit wie nötig.

Herausforderungen und Chancen der aktivierenden Pflege

Aktivierung wird als idealer Pflegestil in der Altenpflege angesehen. Allerdings scheitert sie häufig an der Zeitnot im eng getakteten Pflegealltag. Denn die persönliche Betreuung und motivierende Anleitung ist anfangs sicherlich zeitaufwändiger und mühsamer als die reine Versorgungspflege. Das gilt nicht nur für das Pflegepersonal, sondern auch für die pflegebedürftigen Personen selbst, für die die Rückkehr in die Selbstbestimmtheit und Aktivität durchaus anstrengend sein kann.

Auf lange Sicht lohnt sich dieser anfängliche Mehraufwand jedoch für alle Beteiligten: Nach einer erfolgreichen Lernphase können die Heimbewohner*innen viele alltägliche Dinge wieder selbst durchführen. Darüber hinaus lässt sich durch die wiedererlernte Eigenständigkeit die Immobilität der alten Menschen vermeiden, sodass das Pflegepersonal langfristig entlastet wird.

Fazit

Besonders in stationären Pflegeeinrichtungen kann ein aktivierendes Pflegekonzept die Lebensqualität der alten Menschen deutlich erhöhen. Wenn die Pflegebedürftigen alltägliche Bewegungsabläufe wieder eigenständig durchführen können, führt dies zu einem höheren Grad an Selbstbestimmtheit und Zufriedenheit. Gleichzeitig wird das Pflegepersonal nachhaltig entlastet.